ewigKITE
ewigKITE
31.Dezember


Das Jahr geht zu Ende.  Ich schaffe es nicht, für mich selbst Rückschau zu halten. Dazu müsste ich meinen Terminkalender zur Hand nehmen, um wenigstens einigermaßen durch die Monate zu kommen. Meine Güte, habe ich viel erlebt. Manches Erlebte sickerte bestimmt gerade noch in eine tiefere Ebene des Bewusstseins ab. Viel Oberflächliches ist bereits  vergessen. Die innere Gestimmtheit, die sich fast durch das ganze Jahr gezogen hat, ist geblieben: Beruflich habe ich den Eindruck, „am richtigen Platz“ zu sein, hinterfrage dies jedoch auch regelmäßig. Was ist durch meinen  Arbeit anders geworden? Was hat sich zum Positiven verändert? Sicher, manches, was man bewegt hat, zeigt sich erst nach Monaten oder sogar Jahren, aber manchmal wünsche ich mir doch, konkrete Dinge zu sehen. Meine Arbeit und insbesondere die Vielfältigkeit meiner Arbeit macht mir  große Freude. Es wird einfach nicht langweilig. Und sicher bin ich charakterlich auch so gestrickt, dass es mir nicht langweilig werdend darf. Manches Mal war und bin ich aber auch von den vielen unterschiedlichen Arbeiten erschöpft.
Wahnsinng dankbar bin ich, dass ich das vergangene Jahr gesund und munter erlebt habe. Die knapp 70 000 Kilometer auf der Autobahn hätten auch anders ausgehen können. Und auch wenn Kitesurfen und der Drachensport an sich eine seht sichere Sportart sind – wenn man denn dann die Sicherheitsbestimmungen einhält, was ich tunlichst immer tue - , so hätte auch dabei so manches anders ausgehen können. Und familientechnisch kann ich nur  sagen: Womit habe ich das verdient, dass da alles so klasse läuft? Mit nichts. Richtig!
Heute Vormittag habe ich ein Referat gelesen, welches mich mal wieder auf eine Grundfrage meines Seins gebracht hat. Was macht mein Leben eigentlich aus? Welcher Sinn steckt dahinter? Was bleibt, wenn ich nicht mehr bin?  Die ersten Christen haben es – so habe ich gelesen- mit der Menschenliebe gehabt. Uneingeschränkt haben sie alle Menschen, ganz gleich ob Christen oder nicht – geliebt. Sie haben Gutes getan. Waren einfach da, haben geholfen, angepackt und Gutes getan. Ja, ich kann und muss diesbezüglich nachlegen. Da geht noch mehr.
Lustigerweise träumen mein Sohn Enno und ich gerade so vor uns hin, was wir machen würden, wenn wir heute Abend die Extraziehung im Lotto gewinnen würden. Enno hat nämlich seit einer Woche die Werbung für die 20 Millionen Extraziehung am heutigen Tag gelesen und nicht locker gelassen. Er wollte unbedingt 1 x Lotto spielen. Und so habe ich zum 1.x in meinem Leben Lotto gespielt. „Einer muss doch gewinnen, Pappa. Vielleicht sind wir es ja.“ Das Geld haben wir schon aufgeteilt: Die Hälfte geht an Brot für die Welt und an den BEFG, Enno lädt seine ganze Schule ins Kino ein und ich kaufe mir einen vollrestaurierten  Citroen CX Kombi und lasse ihn, damit die Kiteboards noch besser reinpassen, um einen weiteren Meter verlängern.
Warum will man eigentlich nur abgeben, wenn man noch mehr hat? Wenn ich  von dem gebe, was ich bereits habe, dann wird schon  geholfen .  Und das kann heute beginnen und nicht erst 2009 oder nach dem Lottogewinn.
Heute Abend kommen gute Freunde aus Lüneburg samt 3 Kindern und dann ist wieder high life in der Bude. Das war auch über die Weihnachtstage so. ich kann nicht behaupten, dass die Weihnachtstage besinnlich waren. Ständig war irgend jemand zu Besuch oder wir waren unterwegs. Das war alles schön. Nun freue ich mich aber auf die erste Januarwoche. Dann wird es wohl richtig ruhig. Gott sei Dank für 2008. Gott sei Dank für 2009 – egal, was kommt. Gerne nehme ich Gutes; bei Schwerem bitte ich um Glauben und Geduld es zu ertragen und damit umzugehen.

18.Dezember

Meine Tochter spielt tatsächlich Klarinette! Seit etwa einem Jahr spielt Janneke ihr neues Instrument. Ich habe sie noch nicht 1 x üben gehört. Hin und wieder hat sie die Klarinette mal zusammengeschraubt (oder sagt man zusammengesteckt?), aber mehr habe ich davon nicht mitbekommen. Bis heute. Heute war nämlich klarinettistisches Weihnachtsvorspielen in ihrer Schule. Zum Glück war ich pünktlich da. Sie war – gemeinsam mit einer Freundin - nämlich als erstes dran. Beinahe wäre ich zu spät gekommen. Ich war vorher nämlich mit Enno in seinem Paradies: In einem Anglergeschäft, das so viel Auswahl hat, dass ich nur Staunen kann. Kann man überhaupt so viele Fische fangen? Enno hat zwar bisher erst zwei Fische gefangen, aber seine Ausrüstung besteht schon aus so vielen Einzelteilen, dass man meint, er hätte bereits den naheliegenden See und die ganze Nordsee noch dazu leer geangelt. Nun gut, aus dem Anglerparadies zu den Klarinettentönen. Durch den Oldenburger Kleinstadtabendstau. Tja, und Janneke kann wirklich Klarinette spielen. Und ich staune und bin natürlich auch mit väterlichem Stolz erfüllt, wie gut sie das schon kann. Und wieder einmal steigt in mir leichter Unmut gegenüber mir selbst auf, dass ich nie Noten geschweige denn ein Instrument gelernt habe.  Ja, ich gehe langsam auf den weihnachtlichen Standby-Modus. Nur noch vormittags arbeite ich am Schreibtisch. Nachmittags genieße ich das Familienleben. Und heute Abend setze ich mich in aller Ruhe vor den Kamin und schaue in die Flammen. Und denke. 
Was wird es wohl sein?


17.Dezember
Die letzte Dienstfahrt des Jahres liegt hinter mir. Gut 65000 Kilometer im vergangenen Jahr.
  Als ich heute kurz nach Mitternacht auf unseren Hof gefahren bin, überkam mich große Dankbarkeit und ein „Gott ich danke dir!“ kam mitten in der Nacht über meine Lippen. Viele Unfälle habe ich in diesem Jahr gesehen. Viele Rettungswagen am Straßenrand. Und besonders an eine  Situation erinnere ich mich, in der es für mich sehr „knapp“ war. Nein, es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass ich das Jahr 2008 allem Anschein nach gesund beenden werde. Menschen, die im zurückliegenden Jahr Schlimmes erlebt haben, werden die Weihnachtstage ganz anders erleben als ich. Dass es mir geht, wie es mir geht, ist unverdientes Glück.
Nun freue ich mich auf ein paar Tage hoffentlich intensiver Schreibtischarbeit. Ich freue mich aber auch darauf, die Nachmittage und Abende mal locker anzugehen und so manche Dinge in Haus und Hof zu erledigen. Der riesengroße Hof, auf den ich gestern Nacht eingebogen bin, der ist z.B. schon gefegt: Endlich habe ich mal wieder ein wenig aufgeräumt, geharkt und gefegt. Heute oder morgen ist die Dachboden Isolierung dran.  Seit wir hier wohnen fehlen zwei Bahnen Isolierung irgendwo in der Mitte. Und Feuerholz muss ich besorgen. Und, und, und.
Mein letzter Auswärtstermin gestern Abend war ein schöner. Mitte Januar werde ich Timo zum Pastor ordinieren. Nach  5 Jahren Studium ist es bei ihm nun soweit. Ich kenne ihn 10 Jahre. Und ich freue mich riesig, dass ich ihn ordinieren darf. Gestern ging es mit der Gemeindeleitung aus Wetter um das Thema Ordination und auch darum, worauf man in einem Vikariat achten sollte. Er kann sich über eine offene, herzliche und  liebevolle Gemeindeleitung freuen.  Ich habe die Leute zum ersten Mal  getroffen und bin schon ganz begeistert von ihrem Miteinander und der guten Ausstrahlung. Timo wird ein Gelübde ablegen. Dass er sein Leben lang mit Haut und Haar, mit Lehre und Leben, gebunden an dien „Heilige Schrift“ das Evangelium verkündigen und den Menschen dienen will. Was für ein Versprechen. Welch ein heiliger Moment! Ich erinnere mich noch hin und weder an meine Ordination. Unglaublich, was ich damals versprochen habe. Aber es ist wohl wie im Straßenverkehr unverdientes Glück – hier vielleicht angemessenere formuliert: unverdiente Gnade -, dass ich nach 18 Jahren noch immer gerne Pastor bin und bisher – zumindest soweit ich das beurteilen kann; andere werden das anders sehen – ganz gut klar gekommen bin. Das „Evangelium“  ist wirklich der schönste Beruf und die schönste Berufung. Zumindest für mich. Und für Timo scheint es auch so zu sein und zu werden. Gott sei Dank!

12.Dezember

Reines Glück und pralle Lebensfreude strahlt mir aus seinem Gesicht entgegen. Heute hat Enno Geburtstag. Vor 8 Jahren wurde er geboren. Heute lag er schon um 5 neben mir im Bett. Um 6 Uhr hatte er sich komplett angezogen und um 7 Uhr packte er freudestrahlend seine Geschenke aus. Eine kleine Carrera-Rennbahn ist wohl das Größte. Nicht selten komme ich ins Strahlen, wenn ich Ennos
  Strahlen sehe.



Er ist ein Junge, der sich so richtig freuen kann (dabei muss es nicht immer eine Carrerarennbahn sein –„Buoh“ hörte ich es von unserer Einfahrt durchs Fenster als ihn sein freund heute Morgen mit dem Fahrrad zur Schule abholte, „ich hab‘ eine so geile Carrerabahn gekriegt, das glaubst du nicht!“; Enno kann sich auch über die kleinen und ganz normalen Dinge des Alltags freuen. Er ist es, der uns manchmal auf einen schönen Sonnenuntergang oder den hellen Mond hinweist und dabei ganz versonnen schaut).

Gestern Abend bin ich spät aus Elstal wieder gekommen. Nächste Woche werde ich nur 1 x unterwegs sein und das war es dann bis zum 5.Januar. Darüber freue ich mich riesig. Endlich einmal zuhause sein am Stück. Morgens Schreibtischarbeiten und nachmittags und abends einfach mal schauen, was so passiert. Ich habe im Moment die Nase voll vom ständigen Unterwegssein und freue mich auf die Zeit, die
  vor mir liegt. Natürlich gibt es noch so manches zu tun, damit ich mein hohes Ziel – der Schreibtisch soll abgearbeitet sein – erreiche, aber irgendwie bin ich da ganz zuversichtlich.

Gestern hatten wir in Elstal u.a. eine Sitzung mit der Bundesgeschäftsführung. Das sind schon nette und kompetente Leute. Die hängen sich ganz schön rein und wollen wirklich das Beste für die Gemeinden des BEFG. Manchmal finde ich es wirklich etwas seltsam, wenn den „Bundesmenschen“ unterstellt wird, dass sie irgendwelche eigennützigen Interessen haben. Ich möchte diesen Job nicht haben. Da muss man schon sehr viel Hoffnung, Liebe und Durchhaltevermögen haben. Mir wurde
  auch bewusst – und das hat mich die ganze Rückfahrt nach Oldenburg beschäftigt – dass nicht nur wir im Dienstbereich Mission jeden Cent zwei Mal  umdrehen, sondern dass das auch auf BGF-Ebene so ist. Meine Güte, das sind die Mittel für die BUKO 2009 – immerhin 175 Jahre Baptisten in Deutschland -  dermaßen eng, dass man nicht mal eine ordentliche Standdeko finanziert bekommt. Auf dem Weg nach Hause habe ich mal wieder überlegt, wen man noch wie fragen könnte, um an Geld zu kommen. Dummerweise ist mir nichts eingefallen. Man bräuchte so einen Geld-Goldesel, dann könnte man an manchen Stellen noch mehr wuppen.

Nun denn: Machen wir weiter wie bisher und hoffen wir, dass sich alles ruckelt. Ich freue mich erstmal dran, dass ewigkite.de aus den roten Zahlen kommt. Die Ideen für 2009 liegen auf dem Tisch. Mal sehen, was sich davon realisieren lässt.

1.Dezember
Samstag, Bremerhaven. Ein Seminar für 45 MitarbeiterInnen der Gemeinde. nach 45 Minuten merken ich, dass ich vielleicht ein wenig steil angefangen habe und rudere ein wenig zurück. Haben unsere Gemeinden (noch) ein Chance, wenn sie weiter machen, wie bisher?
Abends dann bis Mitternacht im DB-Zug nach Stuttgart. Jetzt sitze ich am Stuttgarter Flughafen und warte auf meinen Flug nach Bremen. Sonntag, Stuttgart. 50 Jahre Jubiläum der Gemeinde, deren Gebäude die seit Ende der 60iger Jahre „Martin Luther King Kirche heißt.  Ich darf die Festpredigt halten. Als Kind und junger Teeny war ich in dieser Gemeinde. Viele Leute – auch meine damaligen freunde – habe ich seit 30 Jahren nicht gesehen. 30 Jahre.  Als ich hinter das Rednerpult trete – leider ist die Kanzel für diesen Sonntag beiseite geschoben worden; ich bin altmodisch und predige tatsächlich am liebsten von Kanzeln; nicht, weil ich Leute „abkanzeln“ will, sondern weil mir als Kind und auch noch als Theologiestudent beigebracht wurde, dass das „Wort Gottes“  eben ein anderes Wort ist als alle anderen Worte und dass Kanzeln von daher als Zeichen dafür dienen; na ja, wenn meine Predigt hinter einem Rednerpult oder hinter einem Mikro nichts taugt, dann hilft auch die beste Kanzel nichts - , also, als ich hinter die Kanzel trete, sind meine Handflächen tatsächlich schwitzig. Ich bin aufgeregt. Gesichter, die ich kenne und die um Jahrzehnte gealtert sind, schauen mich an. Die Predigt halte ich über einen meiner Lieblingstexte („Einen anderen Grund kann niemand legen, als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“  1.Korinther 3,11) mit einem Ausflug ins 2.Kapitel („Ich wollte unter euch nichts wissen als Jesus Christus, den Gekreuzigten“) und einem Abschluß, der „I have a dream“ von Martin Luther Kind in eine gemeindliche Situation der heutigen Zeit überträgt. In wieweit die Predigt zum Nachdenken angeregt hat, nachdenken über Kommendes, das mag ich nicht beurteilen. Ich war zumindest intensiv dabei und merke nach einem schönen Tag bei Oskar und Helene (bei denen ich einmal 6 Wochen als Teeny gewohnt habe, während meine Eltern im Ausland waren), dass mich die vielen Eindrücke, kurzen Gespräche und  Erinnerungen an meine Kinderjahre schwer beschäftigen. Bei einer kurzen Radtour am Nachmittag durch die Straßen meiner Kindheit, tauchen Namen und Erlebnisse auf, an die ich lange nicht gedacht habe. Und so nett und rührend alle diese Erinnerungen sind, so merke ich doch, dass ich Norddeutscher bin. Dieb schwäbische Landschaft besuche ich als Tourist. Hügel, Kurven, enge, verschlungene Straßen, verputzte Häuser. Einen Tag vorher war ich noch von Bremerhaven nach Wremen gefahren. Norddeutsche Weite, Windkraftanlagen, Deich, Nordsee.  Das ist meine Heimat.
Der kurze Ausflug nach Stuttgart war sehr sehr schön. Insbesondere, weil ich die Blanks wieder gesehen habe. Auch Nelli und Viktor. Es lebe das freie Künstler-Designer-Lehrer-Leben. Nette, nette Leute! Und Nellis Kinder – 2 Mädels – sind ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Einfach süß.
Nun sitze ich also  in Echterdingen und in gut einer Stunde werde ich wieder norddeutsche Luft atmen. 30 Minuten von Bremen nach Oldenburg und dann ist der Alltag wieder ganz normal da. Als wäre nichts gewesen. Schöne Erinnerungen bleiben.  Meine Güte, was ist das Leben manchmal schnell. Wenn die familientechnische Situation es zulässt, dann werde ich – wenn Wind ist – heute Nachmittag endlich mal wieder einen Kite in die Hand nehmen. Mountainboarden. Dringend muss ich mir meinen Kopf freipusten lassen, bevor der ganz normale Alltag weiter geht.